Interview: Rückenwind-Coaching aus Sicht der Arbeitsmedizin

Eine Arbeitsmedizinerin beantwortet, ob Rückenwind-Coaching als hürdenfreies Angebot für alle Dienstnehmer:innen ein wertvoller Beitrag zum betrieblichen Gesundheitsmanagements sein kann.

Rückenwind-Coaching als ein betriebliches Angebot für alle Ebenen

Ein Grundanliegen von Linchpin und den Rückenwind-Coaches ist, frei zugängliches, anonymes Coaching für Mitarbeiter:innen aller Ebenen als betriebliches Angebot. Mit diesem Postulat erzeugen wir oft zweifelnde Gesichter. HR Manager:innen und Führungskräfte sind sich leider zu oft einig, dass Coaching eine limitierte Maßnahme sein soll. Was hindert sie, Coaching als ein betriebliches Angebot für alle zu etablieren?

Coaching nur für die Management-Ebene ist ein Fehler

Betriebliche Veränderungen betreffen beim ersten Blick vor allem die Management Ebene und somit die Führungskräfte. Der zweite Blick zeigt, dass alle Ebenen im Unternehmen Teil der Veränderung sind. Coaching ist vergleichbar mit dem dritten Blick, dem systemischen, ganzheitlichen Blick. Coaching arbeitet mit den Zusammenhängen. Im Coaching betrachten wir die gesamte Entwicklungsgeschichte eines Unternehmens, berücksichtigen die zwischenmenschlichen Verbindungen und beziehen die Umfeldfaktoren mit ein. Nur wenn alles gut zusammenspielt, können die Menschen Veränderungen annehmen und leben. Dann findet Transformation statt und der Erfolg des Unternehmens stellt sich ein.

Schon 2012 stellte das Coaching Magazin die Frage nach dem Pro und Contra von Coaching für die obersten Ränge.

Warum bekommt nicht einfach derjenige ein Coaching, der es braucht oder will? Erfahrungsgemäß stärkt ein Coaching die persönliche Bindung an das Unternehmen. Der Mitarbeiter erfährt Wertschätzung, fühlt sich wahrgenommen, akzeptiert und unterstützt. Man sollte sich entscheiden, ob man grundsätzlich eine Coaching-Kultur pflegen möchte. Oder Business as usual betreiben.

Fast 10 Jahre später gehen wir mit Rückenwind-Coaching einen Schritt weiter und fragen eine hoch engagierte Arbeitsmedizinierin, ob Rückenwind-Coaching ein wertvoller Teil zum betrieblichen Gesundheitsmanagement sein kann.

Wo sieht eine Arbeitsmedizinerin den Nutzen von Rückenwind-Coaching?

Meine Interviewpartnerin ist seit 12 Jahren als Arbeitsmedizinerin für einen der größten arbeitsmedizinischen Dienstleister Österreichs tätig. Sie berät und betreut regelmäßig mehr als 10 Betriebe verschiedenster Branchen.

Wie sieht der rechtliche Rahmen für arbeitsmedizinische Betreuung in Betrieben aus?

Das Arbeitnehmer:innenschutzgesetz (ASchG) verpflichtet Arbeitgeber:innen mit mehr als 50 Arbeitnehmer:innen für eine sicherheitstechnische und arbeitsmedizinische Betreuung durch sogenannte Präventivfachkräfte zu sorgen. Das sind in der Regel Sicherheitsfachkräfte und Arbeitsmediziner:innen sowie Arbeitspsycholog:innen. Die arbeitsmedizinische Betreuung hat die Aufgabe, Arbeitgeber sowie Arbeitnehmer:innen bei der Durchführung des Arbeitnehmerschutzes im Betrieb zu unterstützen und zu beraten, wenn es um vorbeugende Maßnahmen gegen Arbeitsfehlbelastung z.B. bei der Arbeitsplatzgestaltung, beim Gesundheitsschutz und der Arbeitshygiene geht. In der Arbeitsmedizin geht es aber nicht nur um Gesundheitserhalt oder Wiederherstellung sondern auch um die Verbesserung der physischen und psychischen Gesundheit sowie der Leistungsfähigkeit.

Warum haben Sie sich für den Beruf der Arbeitsmedizinerin entschieden und arbeiten nicht als Ärztin in einer Praxis oder in einem Krankenhaus ?

Das schöne an meinem Beruf als Arbeitsmedizinerin ist die Vielfalt der Anforderungen, die die Menschen und die Betriebe an mich stellen. Ich habe ein buntes, abwechslungsreiches Aufgabengebiet und arbeite mit kranken sowie gesunden Menschen, für die ich mir ausreichend Zeit nehmen kann.

Wieviel Zeit steht Ihnen denn für Ihre arbeitsmedizinische Tätigkeit zur Verfügung?

Die rechtlich verpflichtende arbeitsmedizinische Präventionszeit liegt bei zumindest 1,2 Stunden pro Arbeitnehmer:in im Jahr. Das ist auf den ersten Blick sehr wenig. Tatsächlich kann man aber in einem Betrieb mit 100 Büroangestellten in 120 Stunden im Jahr sehr viel bewirken. Ich teile mir die Zeit mit Sicherheitsfachkräften und anderen Expert:innen wie z.B. Arbeitspsycholog:innen.

Wie sieht ein Arbeitstag als Arbeitsmedizinerin aus?

Wir vermitteln Wissen in Vorträgen und Schulungen und führen präventivmedizinische Untersuchungen durch, um die Entstehung von Erkrankungen zu verhindern oder diese zumindest frühzeitig zu erkennen, um die Gesundheit wieder herzustellen. Weiters kümmern wir uns um die Wiedereingliederung von bereits wieder arbeitsfähigen aber eben noch nicht gesunden Arbeitnehmeri:innen. Daher ist der enge Austausch mit der Geschäftsführung, HR oder auch Facility Management sehr wichtig. Regelmäßig nachgefragt werden persönliche Gesundheitsvorsorgeuntersuchungen der Augen Stichwort Bildschirmarbeit, der Wirbelsäule sowohl bei sitzenden als auch körperlich anstrengenden Tätigkeiten, aber auch Raucherentwöhnung, Ernährungsfragen sowie Impfungen.

Wie haben Sie die letzten Monate der Covid-Pandemie als Arbeitsmedizinerin erlebt?

Zu Beginn bin ich gefühlt 24 Stunden am Telefon gewesen, um besorgte Arbeitgeber und Arbeitnehmer:innen zu informieren. Dann war es notwendig, in kurzer Zeit alle von der Regierung vorgegebenen Maßnahmen in Präventionskonzepte zu verpacken und die Betriebe bei der Umsetzung zu unterstützen. In den letzten Monaten hat sich alles um die Einrichtung von Impf- und Teststraßen und die dazu gehörige Kommunikation an die Belegschaft gedreht. Aktuell teste und impfe ich laufend. Und die Nachfrage an psychologischer Beratung ist deutlich angestiegen.

Mit welchen Fragen kommen Mitarbeiter:innen, die psychologische Beratung wollen?

Das beruflichen Umfeld hat maßgeblichen Einfluss darauf, ob ich gesund und motiviert bin oder mich krank und unzufrieden fühle. Fehlender Handlungsspielraum, Konflikte mit der Kollegenschaft oder mit Führungskräften, Mangel an Wertschätzung, fehlende Entwicklungsmöglichkeiten oder aktuell vor allem die Angst vor Krankheit und Jobverlust verursachen körperliche und psychische Beschwerden. Die Arbeitspsycholog:innen geben da Anleitung zu Burnout-Prophylaxe oder Burnout-Bewältigung, unterstützen bei der Konfliktbewältigung oder unterstützen Arbeitnehmer:innen für ein besseres Selbstmanagement.

Linchpin hat vor kurzem eine Initiative für betriebliches Coaching mit dem Namen Rückenwind-Coaching gestartet. Denken Sie, dass freizugängliches Coaching für Arbeitnehmer:innen eine wichtige Säule in der Bewältigung und Entwicklung von Kompetenzen im Umgang mit schwierigen Situationen sein kann?

Schwierige Situationen brauchen eine ganzheitliche Betrachtung, um die richtige Unterstützung anbieten zu können.  Da ist neben der Arbeitsmedizin und der Arbeitspsychologie natürlich auch das Business Coaching eine wichtige Säule. Es ist ein Ineinander-Arbeiten.

Wie würden Sie den Nutzen von Rückenwind-Coaching unseren Leser:innen beschreiben?

Die große Stärke bei Rückenwind-Coaching ist meiner Meinung nach, dass es wie die Gesundheitsvorsorge ein offenes Angebot ist. Die Arbeitnehmer:innen entscheiden selbst, wann sie ein betriebliches Coaching für berufliche Fragen in Anspruch nehmen möchten. Es ist ein hürdenfreier Zugang zur persönlichen Weiterentwicklung. Wir können nie genug tun, um Betriebe und Arbeitnehmer:innen bestmöglich durch Höhen und Tiefen zu begleiten und müssen alles daran setzen, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden nicht nur zu erhalten sondern weiter zu verbessern.

Darf ich abschließend auch eine Frage stellen? Gibt es denn ein zeitliches Limit? Coaching soll ja Hilfe zur Selbsthilfe sein.

Danke für diese wichtige Frage. Rückenwind-Coaching heißt nicht unlimitierte Zeit an Coaching Einheiten. Unserer Erfahrung nach sind 5 Coachingstunden eine riesige Hilfe zur Selbsthilfe. Wesentlich ist, dass die neuen Erkenntnisse und Lösungswege gut verarbeitet und umgesetzt werden. Eine Brise Rückenwind eben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Immer wieder gerne.

Sommer, 2021

 

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